Entdeckertour hinter die Kulissen nachhaltiger Unternehmen: Nachhaltigkeit ist ein Teil unternehmerischer Zukunftssicherung.
Nachhaltigkeit ist in vielen Unternehmen noch immer ein Reizwort. Für die einen klingt es nach zusätzlicher Bürokratie, für die anderen nach kostspieliger Symbolpolitik, für wieder andere nach einem Thema, das man angeht, wenn das Kerngeschäft „fertig“ ist. Genau darin liegt ein verbreiteter Irrtum. Denn nachhaltiges Wirtschaften ist längst kein Randthema mehr. Es ist Teil unternehmerischer Resilienz, Teil moderner Wertschöpfung und zunehmend schlicht auch Teil der Marktfähigkeit.
Mit unserer Veranstaltungsreihe „Entdeckertour hinter die Kulissen nachhaltiger Unternehmen“ wollten wir – das Mittelstand-Digital Zentrum Ilmenau – deshalb nicht die üblichen Hochglanznarrative bedienen, sondern reale unternehmerische Praxis sichtbar machen: dort, wo Nachhaltigkeit nicht als Kampagne inszeniert, sondern unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten behandelt wird. Im Januar und Februar 2026 haben wir eine exklusive Entdeckertour zu innovativen produzierenden Unternehmen in Thüringen durchgeführt – dorthin, wo die Zukunft des nachhaltigen Wirtschaftens bereits Realität ist. In einer Online-Auftaktveranstaltung und drei Präsenzstationen konnten die Teilnehmenden erleben, wie Unternehmen ihre Transformation konkret angehen – etwa durch neue Geschäftsmodelle, Strategien für Mitarbeiterbindung, messbare Effizienzsteigerungen, kluge Investitionen, digitale Werkzeuge und nicht zuletzt eine Portion Mut.
Die Reihe fand in Kooperation mit den beiden Industrie- und Handelskammern Südthüringen und Ostthüringen zu Gera, den Mittelstand-Digital Zentren Zukunftskultur und Franken sowie der Thüringer Energie-und GreenTech-Agentur (ThEGA) statt. Insbesondere gilt unser Dank den gastgebenden Unternehmen, die ihre Türen für die Teilnehmenden geöffnet und damit diese Veranstaltungsreihe überhaupt erst ermöglicht haben. Ebenso danken wir den Vortragenden und allen weiteren Partnern.
Dieser Beitrag richtet sich ausdrücklich auch an Unternehmen, die nicht an der Reihe teilgenommen haben. Er soll zeigen, dass es sich lohnt, nachhaltig zu wirtschaften – nicht trotz wirtschaftlichen Drucks, sondern gerade wegen dieses Drucks. Und er soll eine Wissensbasis schaffen mit Erfahrungen aus der Praxis, mit den Kernbotschaften der Referierenden, mit Fragen der Teilnehmenden und mit einer kritischen Einordnung dessen, was Unternehmen tatsächlich weiterbringt.
Der Einstieg war bewusst kein Motivationsvortrag, sondern ein Realitätscheck.
Der Auftakt am 27. Januar 2026 fand online statt und setzte den Ton für die gesamte Reihe. Es ging nicht um gefällige Einstiegsrhetorik, sondern um eine nüchterne Frage: Warum sollten sich kleine und mittlere Unternehmen überhaupt jetzt mit Nachhaltigkeit beschäftigen? Die Antwort war weniger von Haltung als von strategischen Überlegungen geprägt.
Schon zu Beginn wurde deutlich, dass die Anforderungen an KMU wachsen – durch Berichtspflichten, Lieferkettenanforderungen, Finanzierungslogiken, Marktveränderungen und durch politischen Wandel. Wer Nachhaltigkeit noch als freiwillige Zusatzaufgabe versteht, unterschätzt die Dynamik. Gleichzeitig wurde aber auch gezeigt, dass Unternehmen dem nicht ausgeliefert sind. Es gibt Werkzeuge, Förderangebote, Orientierungsrahmen und konkrete methodische Zugänge.
Der Auftakt war damit mehr als ein Vorwort. Er war ein Kompass. Und er machte deutlich, dass nachhaltiges Wirtschaften nicht erst in der Produktion beginnt, sondern bei der strategischen Einordnung: Was sind reale Risiken? Welche Entwicklungen sind nur diffuse Ängste? Wo braucht es Struktur statt Aktionismus? Und wie lassen sich Digitalisierung, Kreislaufwirtschaft und Klimaschutz so verbinden, dass daraus unternehmerischer Nutzen entsteht?
Prof. Frank Ebinger
Prof. Frank Ebinger vom Mittelstand-Digital Zentrum Franken ordnete die Nachhaltigkeitsdebatte aus einer Perspektive ein, die für viele KMU besonders relevant ist: zwischen Risikominimierung und nachhaltiger Wettbewerbsfähigkeit. Seine Kernbotschaft war klar. Der Handlungsdruck entsteht nicht nur durch Gesetze, sondern durch gekoppelte Anforderungen. Unternehmen bewegen sich nicht isoliert, sondern in Lieferketten, Marktstrukturen und Regulierungslogiken, die sich verändern.
Gerade für kleinere Unternehmen ist das unbequem. Denn sie verfügen oft nicht über eigene Nachhaltigkeitsabteilungen, haben begrenzte personelle Ressourcen und stehen gleichzeitig unter Erwartungsdruck von Kunden, Banken und größeren Partnern. Der Vortrag machte jedoch auch deutlich, dass man zwischen echten Risiken und bloßen Befürchtungen unterscheiden muss. Nicht jede Schlagzeile ist sofort betriebsrelevant. Aber viele strukturelle Veränderungen sind längst erkennbar und verlangen Anpassung.
In der Diskussion war deshalb die Frage besonders spannend, was „echte Risiken“ eigentlich sind. Die Antwort fiel bewusst differenziert aus, denn neue Risiken lassen sich nicht immer punktgenau vorhersagen, wohl aber in Marktstrukturen, politischen Entwicklungen und verschärften Erwartungen nachzeichnen. Das ist unbequem, doch gerade darin liegt die Aufgabe unternehmerischer Führung. Wer nur abwartet, bis Vorgaben final und unanfechtbar feststehen, ist häufig zu spät dran.
Quelle: KI-generiertSusann Feuerschütz
Susann Feuerschütz vom Mittelstand-Digital Zentrum Zukunftskultur knüpfte daran mit dem Beitrag „Wegweiser der Nachhaltigkeit“ an. Sie zeigte, wie Kreislaufwirtschaft als strategischer Ansatz Orientierung geben kann – nicht als abstraktes Zukunftskonzept, sondern als Rahmen für betriebliche Entscheidungen.
Dabei war besonders stark, dass nicht nur Theorie vermittelt wurde, sondern konkrete Beispiele aus der Klimareise des Mittelstand-Digital Zentrums Zukunftskultur gezeigt wurden – einer Veranstaltungsreihe, die als Vorbild für unsere Thüringer Entdeckertour diente. Dieser Bezug war wichtig, denn er zeigte, dass Transformation nicht mit großen Worten beginnt, sondern mit Beispielen, an denen Unternehmen sich reiben können: Was ist übertragbar? Was ist branchenspezifisch? Was ist eher Inspiration als Blaupause?
Kreislaufwirtschaft ist nicht bloß Abfallvermeidung. Sie ist ein strategischer Blick auf Produkte, Materialströme, Wiederverwendung, Reparatur, Kooperationen und Geschäftsmodelle. Das klingt anspruchsvoll – und ist es auch. Aber gerade deshalb hilft eine klare unternehmerische Erzählung. Unternehmen brauchen einen „Nordstern“, ein Zielbild, das über einzelne Maßnahmen hinausweist. Sonst bleibt Nachhaltigkeit eine lose Sammlung guter Absichten.
Gerrit Neuhaus
Gerrit Neuhaus, ebenfalls vom Mittelstand-Digital Zentrum Zukunftskultur, stellte das Klima-Coaching und weitere Unterstützungsangebote von Mittelstand-Digital für KMU vor. Das war ein wichtiger Programmpunkt, weil sich hier ein typisches Problem zeigt: Es gibt inzwischen zahlreiche Angebote, aber sie bleiben wirkungslos, wenn Unternehmen sie nur als Informationsmaterial betrachten.
Die Stärke des Klima-Coachings liegt darin, dass es nicht abstrakt „Nachhaltigkeit erklärt“, sondern Unternehmen beim Planen konkreter Schritte unterstützt: Klimaschutz, Ressourceneffizienz, Strategieentwicklung. Gerade für KMU ist das entscheidend. Unternehmen brauchen oft keine weitere Grundsatzdebatte, sondern Unterstützung bei Fragen wie: Wo fangen wir an? Welche Daten brauchen wir? Welche Themen sind für uns wirklich wesentlich? Welche Hebel versprechen tatsächliche Wirkung?
Pascal Wiegandt
Abgerundet wurde der Auftakt durch einen Überblick über Förderprogramme und Unterstützungsmöglichkeiten der Landesenergieagentur ThEGA mit Schwerpunkt Energie- und Ressourceneffizienz. Das war sinnvoll, weil Fördermittel oft als Türöffner wirken. Gerade in investitionsintensiven Bereichen können sie Maßnahmen erleichtern oder beschleunigen.
Gleichzeitig zeigte sich hier auch eine häufige Fehlannahme, denn manche Unternehmen warten auf das perfekte Förderfenster, statt mit vorhandenen Mitteln erste Schritte zu gehen. Förderung kann Investitionen absichern. Sie ersetzt aber keine strategische Entscheidung. Wer nicht weiß, wohin er will, wird auch mit Fördergeld nicht automatisch nachhaltiger.
Reflexion und Ausblick: Der Auftakt räumte mit zwei Mythen auf.
Der Online-Auftakt machte deutlich, dass zwei verbreitete Annahmen über Nachhaltigkeit einer genaueren Betrachtung nicht standhalten. Zum einen wird Nachhaltigkeit häufig vor allem als Kommunikationsthema für Marketing und Außendarstellung verstanden. Zum anderen gilt sie oft erst dann als relevant, wenn Berichtspflichten juristisch unmittelbar wirksam werden. Beides greift zu kurz.
Die Diskussion zeigte vielmehr, dass Nachhaltigkeit heute in die Mitte unternehmerischer Entscheidungsfindung rückt. Wer Risiken versteht, eine Datenbasis aufbaut und sich strategisch positioniert, ist im Vorteil. Wer dagegen nur auf äußeren Zwang reagiert, bleibt im Reaktionsmodus. Das ist für KMU besonders gefährlich, weil sie selten die Ressourcen haben, hektische Nachsteuerung dauerhaft zu kompensieren.
Der Auftakt schuf damit den richtigen Rahmen für die folgenden Präsenzveranstaltungen. Er führte weg von der Frage, ob Nachhaltigkeit relevant ist – hin zur Frage, wie Unternehmen sie konkret, wirtschaftlich und glaubwürdig umsetzen.
ABS electronic zeigte, dass Nachhaltigkeit dort beginnt, wo Routinen hinterfragt werden.
Die erste Präsenzstation führte am 5. Februar 2026 zur ABS electronic Meiningen GmbH. Vor Ort nahmen 12 Personen teil, zusätzlich verfolgten 10 Interessierte die Vorträge online. Gastgeber war ein Unternehmen, das 1998 gegründet wurde, heute 56 Mitarbeitende beschäftigt und elektronische Bauteile sowie Leiterplatten in kleinen und mittleren Serien fertigt – bei Bedarf bereits ab Stückzahl 1.
Das Gastgeberunternehmen machte sehr anschaulich deutlich, dass Nachhaltigkeit nicht erst bei großen Investitionen beginnt. Sie beginnt oft dort, wo ein Unternehmen bereit ist, seine eigenen Routinen infrage zu stellen – bei Arbeitszeitmodellen, bei Reparaturansätzen, bei Verpackungslösungen, beim Umgang mit Maschinen oder beim Blick auf Biodiversität am eigenen Standort.
Auffällig war dabei, dass ABS nicht mit einem spektakulären Einzelprojekt beeindruckte, sondern mit einer Haltung. Nämlich Dinge nicht vorschnell wegzuwerfen, Prozesse sauber zu organisieren, Mitarbeitende mitzunehmen, offen mit Kunden zu sprechen und Verbesserungen als Teil einer Gesamtphilosophie zu verstehen. Das klingt unspektakulär. Ist es aber nicht. Denn genau daran scheitern viele Transformationsprozesse, nämlich nicht am fehlenden Wissen, sondern an der fehlenden Konsequenz im Alltag.
Besonders stark rückte jedoch die 4-Tage-Woche ins Zentrum der Veranstaltung. Sie wurde dabei nicht bloß als Personalthema betrachtet, sondern als ein Beispiel dafür, wie soziale, ökologische und ökonomische Nachhaltigkeit ineinandergreifen können.
Quelle: © Mittelstand-Digital Zentrum IlmenauFabian Oertel
Fabian Oertel, Geschäftsführer von ABS electronic Meiningen, schilderte die Maßnahmen seines Unternehmens mit großer Offenheit. Besonders viel Aufmerksamkeit bekam die Einführung der 4-Tage-Woche, die Anfang 2024 umgesetzt wurde. Die Wochenarbeitszeit wurde von 38 auf 36 Stunden reduziert – bei vollem Lohnausgleich. Diese 36 Stunden wurden auf vier Tage à neun Stunden verteilt.
Gerade an diesem Beispiel wurde sehr konkret sichtbar, dass soziale Nachhaltigkeit wirtschaftlich wirksam sein kann. Die Umstellung war keineswegs einfach. Längere tägliche Arbeitszeiten waren zunächst vor allem für ältere Mitarbeitende herausfordernd. Auch Fragen der Kinderbetreuung mussten neu organisiert werden. Unterschiede in der Akzeptanz zeigten sich weniger zwischen Männern und Frauen als zwischen Altersgruppen: Jüngere Mitarbeitende waren deutlich offener, ältere zunächst skeptischer. Fabian Oertel berichtete aber, dass letztlich gemeinsam mit allen Mitarbeitenden dafür passende Lösungen gefunden wurden.
Entscheidend war, dass die 4-Tage-Woche nicht isoliert eingeführt wurde, sondern zu einer besseren Prozessorganisation zwang. Schwierige Aufgaben werden nun eher in die konzentrierten Vormittagsstunden gelegt, während weniger anspruchsvolle Tätigkeiten – etwa Arbeitsplatzvorbereitung oder Aufräumarbeiten – bewusst in spätere Phasen des Tages verschoben werden. Die gegenseitige Unterstützung nahm zu. Die Folge war eine spürbare Effizienzsteigerung. Bei den maschinell bestückten Bauteilen beträgt sie nach Unternehmensangaben ganze 10 Prozent.
Auch ökologisch hatte das Modell messbare Effekte. Durch den zusätzlichen Schließtag konnten 18 Prozent Wasserverbrauch, 15 Prozent Stromverbrauch und insgesamt rund 20 Prozent CO2-Emissionen eingespart werden. Gleichzeitig fiel auf, dass Maschinen konsequenter über Nacht heruntergefahren wurden und Wartungen auf den Freitag gelegt werden konnten – statt wie bisher häufig auf Wochenenden.
Ein besonders spannender Punkt war die Kommunikation mit den Kunden. Die anfängliche Verwunderung darüber, dass das Unternehmen freitags nicht regulär vor Ort produziert, ließ sich gut auflösen. Fabian Oertel argumentierte, dass die üblichen Lieferfristen dadurch nicht beeinträchtigt seien, da die Lieferungen ohnehin spätestens donnerstags das Haus verlassen. Zugleich bleibt die telefonische Erreichbarkeit von 7 bis 17 Uhr sichergestellt. Eine echte Gleitzeit lässt sich für die Mitarbeitenden unter diesen Bedingungen allerdings nicht umsetzen.
Im Vortrag wurde auch deutlich, wie stark sich die Maßnahme auf Arbeitgeberattraktivität und Sichtbarkeit ausgewirkt hat. Die Bewerberzahlen stiegen, die 4-Tage-Woche wirkt öffentlichkeitswirksam, und im Bereich der Fachkräftegewinnung ist der Effekt merklich spürbar. Bei den Azubis braucht das Unternehmen nach eigener Aussage kaum aktive Stellenanzeigen – vieles läuft über Mundpropaganda.
Auf die Frage nach dem „Benefit“ nachhaltigen Handelns antwortete Fabian Oertel, dass es eine Einstellungsfrage sei, aber eben auch die Suche nach Einsparpotenzialen im eigenen Einflussbereich. Das ist eine starke Antwort, weil sie Moral und Management nicht gegeneinander ausspielt. Auf die Frage, ob die 4-Tage-Woche auch für die Geschäftsleitung gelte, antwortete er knapp: meistens. Auch das ist aufschlussreich. Denn Transformation gelingt nicht durch symbolische Freigaben von oben, sondern wenn Führung selbst Teil der Veränderung ist.
Neben der 4-Tage-Woche stellte Oertel auch klassische Maßnahmen vor, darunter Photovoltaik, Geothermie, Wärmerückgewinnung, die Wiederverwendung von Füllmaterialien, individuell mit Kunden vereinbarte Pendelverpackungen, die bestmögliche Vorbereitung des Recyclings durch Trennung und Ablöten von Komponenten sowie einen Reparaturservice auch für Fremdmaschinen.
Besonders einprägsam war das Beispiel der Reparatur der Steuerung eines betriebsfremden Gabelstaplers. Das ist nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern auch wirtschaftlich klug, weil es Kundenbindung erzeugt.
Hinzu kommt ein bewussterer Umgang mit Biodiversität am Standort, etwa durch reduzierten Gras- und Baumschnitt, der nur noch einmal statt zweimal jährlich erfolgt. Dieser ökologische Umgang mit Unternehmensflächen spart nebenher sogar Geld.
Die Veranstaltung zeigte damit sehr klar: Soziale Nachhaltigkeit ist nicht weich. Sie ist organisatorisch hart. Aber wenn sie gelingt, kann sie ökonomisch erstaunlich wirksam werden.
Daniel Strobel
Unternehmensberater Daniel Strobel stellte in Meiningen die Wesentlichkeitsanalyse als strategisches Instrument und als eine Voraussetzung für Resilienz vor. Er setzte damit einen wichtigen Gegenakzent zu der verbreiteten Vorstellung, Nachhaltigkeit bestehe vor allem aus einer immer länger werdenden Liste von Pflichten, Erwartungen und gut gemeinten Einzelmaßnahmen. Gerade für kleine und mittlere Unternehmen ist das ein zentraler Punkt. Denn nicht die Zahl der Themen ist das eigentliche Problem, sondern die fehlende Priorisierung. Welche Faktoren wirken von außen auf das Unternehmen ein, welche von innen? Wo liegen tatsächliche Risiken, wo nur allgemeine Befürchtungen? Was ist für das eigene Geschäftsmodell wesentlich – und was eben nicht? Wer nicht im Ausland produziert, muss bestimmte Risiken – etwa Kinderarbeit in der Lieferkette – anders bewerten als Unternehmen mit global verzweigten Beschaffungsstrukturen. Nachhaltigkeit braucht deshalb nicht nur Ambition, sondern auch die Fähigkeit zur Eingrenzung. Wer alles gleichzeitig für wesentlich erklärt, macht am Ende nichts wirklich bearbeitbar. Daniel Strobel zeigte am Beispiel der ELMUG eG, dass die doppelte Wesentlichkeitsanalyse genau hier ansetzt. Und sie hilft, externe Anforderungen und interne Auswirkungen nicht nur zu sammeln, sondern zu strukturieren.
Antje Welz
Antje Welz von der IHK Erfurt brachte mit dem „Bündnis für Biodiversität“ ein Thema ein, das in Unternehmenskontexten noch immer zu oft als freundliches Beiwerk behandelt wird. Während über Nachhaltigkeit in der Wirtschaft meist dann ernsthaft gesprochen wird, wenn es um Energiepreise, CO₂-Bilanzen oder Regulierung geht, bleibt biologische Vielfalt häufig auf der Ebene symbolischer Begrünung oder guter Absichten hängen. Antje Welz stellte dem eine klarere Perspektive entgegen, nach der Unternehmen die wirtschaftliche und ökologische Bedeutung von Biodiversität erkennen und aktiv zu ihrem Erhalt beitragen müssen. Denn wer Natur nur als Kulisse oder Restfläche betrachtet, verkennt, dass auch Standortqualität, Flächennutzung, Außenwirkung und unternehmerische Verantwortung an diesem Thema hängen. Gerade für produzierende Unternehmen ist das unbequem, weil Biodiversität sich schlechter in die vertraute Logik von Effizienzkennzahlen und Amortisationsrechnungen pressen lässt.
ABS ist das gelungen, denn reduzierte Mahd, Wiesenflächen und ein veränderter Umgang mit Grünflächen können auch Kosten sparen und die Wahrnehmung dessen verändern, was auf Unternehmensflächen als gepflegt und sinnvoll gilt.
Die Station in Meiningen lieferte eine Erkenntnis, die in der Nachhaltigkeitsdebatte oft fehlt: Maßnahmen wirken dann besonders stark, wenn sie mehrere Ebenen gleichzeitig berühren. Die 4-Tage-Woche bei ABS war sozial attraktiv, organisatorisch fordernd, ökologisch wirksam und ökonomisch relevant. Genau deshalb war sie so interessant.
Kritisch bleibt dennoch festzuhalten, dass solche Modelle sich nicht einfach kopieren lassen. Nicht jedes Unternehmen hat die gleiche Produktionslogik, die gleiche Belegschaftsstruktur oder die gleiche Kundenkommunikation. Wer das Beispiel von ABS nur als trendiges Arbeitszeitmodell liest, verfehlt den Kern. Entscheidend war nicht die Schlagzeile „4-Tage-Woche“, sondern die Disziplin, Prozesse messbar zu verbessern.
KHW zeigte, warum Bilanzierung nicht am Tool scheitert, sondern an der Bereitschaft, anzufangen.
Die zweite Station führte am 12. Februar 2026 zur KHW Kunststoff- und Holzverarbeitungswerk GmbH in Geschwenda. Vor Ort nahmen 13 Personen teil, 9 weitere waren online zugeschaltet. Gastgeber war ein Unternehmen mit 72 Mitarbeitenden, das seit 1948 besteht, seit 1970 auch Kunststoff verarbeitet und heute ein breites Produktspektrum von Winter- und Gartenprodukten bis hin zu Lohnfertigung abdeckt. Besonders bekannt ist KHW jedoch für seine Kunststoffschlitten, die in die ganze Welt exportiert werden.
KHW ist ein besonders aufschlussreicher Praxisfall, weil das Unternehmen mehrere Nachhaltigkeitsthemen gleichzeitig bearbeitet: Energie, Materialeinsatz, Recycling, CO2-Bilanzierung, Digitalisierung, Direktvertrieb und neue Geschäftsmodelle. Dabei wurde schnell deutlich, dass Nachhaltigkeit hier kein Nebenprojekt ist, sondern tief in Controlling, Preisgestaltung, Produktion und Investitionsentscheidungen eingreift.
Der Tenor dieser Veranstaltung war erfrischend ungeschönt. CO2-Bilanzierung ist aufwendig. Datenbeschaffung ist mühsam. Zuliefererdaten fehlen oft. Standards sind nicht überall eindeutig. Perfektion ist am Anfang unrealistisch. Und dennoch lautet die richtige Konsequenz, nicht zu warten, sondern anzufangen.
Diese Station war deshalb besonders wertvoll, weil sie den häufigsten Fehler vieler Unternehmen offenlegte. Sie überschätzen die Schwierigkeit des Einstiegs so sehr, dass sie gar nicht beginnen. Dabei ist eine lückenhafte, nachvollziehbar dokumentierte erste Bilanz oft weit nützlicher als gar keine.
Lisa Helbig
Lisa Helbig von der ThEGA führte fachlich in die Treibhausgasbilanzierung ein und demonstrierte in einer Live-Vorführung das Tool ecocockpit. Ihre wichtigste Botschaft war, dass Unternehmen nicht darauf warten sollten, bis alle Daten perfekt vorliegen. Gerade beim Einstieg ist es sinnvoll, Lücken zu akzeptieren, Annahmen nachvollziehbar zu dokumentieren und schrittweise besser zu werden.
Die größten Schwierigkeiten liegen nach ihrer Erfahrung in der Datenbeschaffung, vor allem bei Scope 1 und 2 sowie bei Emissionsfaktoren von Zulieferern. Wenn konkrete Daten fehlen, sollte laut ihrer Erläuterung und im Sinne der TÜV-Empfehlung mit einem begründbaren Näherungswert gearbeitet und bei Schätzungen ein Sicherheitsaufschlag von etwa 5 bis 15 Prozent angesetzt werden.
Wichtig war auch der Hinweis, dass CO2-Bilanzen nicht zum Vergleich zwischen Unternehmen taugen, sondern in erster Linie als internes Instrument zur Verbesserung dienen. Interessant werden sie vor allem über die Zeit und für vergleichbare Produkte oder Prozesse. Lisa Helbigs Beitrag machte außerdem deutlich, dass freiwillige Bilanzierung heute schon Vorteile bringen kann – etwa bei Ausschreibungen oder in Lieferketten. Das ist ein entscheidender Punkt für Unternehmen, die Nachhaltigkeit noch als Kostenstelle betrachten. Bilanzierung schafft nicht sofort Rendite, aber sie kann Zugänge offenhalten oder eröffnen.
In der Diskussion wurden zentrale Praxisfragen aufgegriffen, wobei unter anderem geklärt wurde, wie mit Wachstum, neuen Gebäuden oder zusätzlichen Mitarbeitenden umzugehen ist. Hierbei gilt, dass solche Veränderungen transparent im Bericht dargestellt und in der Entwicklung nachvollziehbar erklärt werden müssen.
Auf die Frage, was zu tun sei, wenn Daten von Zulieferern fehlen, lautet die Empfehlung, zunächst mit einem begründbaren Ersatzwert zu arbeiten und diesen schrittweise zu verbessern. Zudem kam die Frage auf, ob Baumpflanzungen angerechnet werden können. Dies ist jedoch nicht zulässig, da nur die relevanten Treibhausgase bilanziert werden und nicht symbolische Ausgleichshandlungen.
Marcus Cramer
Marcus Cramer, Geschäftsführer von KHW, lieferte einen der prägnantesten Sätze der gesamten Reihe: „Einfach machen!“ Gemeint war damit kein blinder Aktionismus, sondern ein pragmatischer Einstieg. Gerade für KMU sei es riskant, so lange zu warten, bis Kunden oder Gesetzgeber den Druck maximal erhöhen. Wer früh beginnt, lernt früher, erkennt schneller eigene Schwachstellen und verschafft sich im besten Fall einen Vorsprung.
Er zeigte in seinem Vortrag, wie eng Treibhausgasbilanzierung, Energiemanagement und Geschäftsmodell inzwischen zusammenhängen. KHW begann 2023 mit den ersten Schritten zur Unternehmensbilanzierung. Seit 2024 wird die Bilanz mit ecocockpit systematisch genutzt. Der Einstieg erfolgte freiwillig, unter anderem mit Unterstützung von IHK und ThEGA. Nach Aussage von Marcus Cramer reicht eine mit ecocockpit erstellte Bilanz derzeit selbst für große Handelskunden, sofern sie nachvollziehbar und plausibel aufgebaut ist.
Besonders eindrücklich war dabei der Zusammenhang zwischen Nachhaltigkeit und Datenqualität. KHW investierte bereits 2022 rund 40.000 Euro in ein Energiemanagementsystem. Das war zunächst kostenintensiv, schafft heute aber Transparenz darüber, welches Produkt auf welcher Maschine wie viel Energie verbraucht. Diese Daten sind nicht nur für die Bilanzierung relevant, sondern auch für die Preisgestaltung und Produktionsplanung. Unterschiede beim Energieeinsatz einzelner Maschinen können laut KHW bis zu 50 Prozent betragen. Dadurch lassen sich Produktionsentscheidungen gezielter treffen und man kann Kunden zum Teil auch preislich entgegenkommen. Auf die Verbrauchsangaben der Maschinenhersteller allein könne man sich hingegen nicht immer verlassen, stellte Marcus Cramer nüchtern fest.
Der Energiebereich war insgesamt ein zentrales Thema der Veranstaltung in Geschwenda. KHW ist derzeit zu rund 50 Prozent energieautark. Durch die Anschaffung von STABL-Stromspeichern sind perspektivisch bis zu 70 Prozent Autarkie geplant. Marcus Cramer sprach in diesem Zusammenhang von Einsparungen von bis zu 400.000 Euro pro Jahr in der zweiten Ausbaustufe der Speicherlösung. Die Speicher dienen dabei nicht nur der Eigenstromnutzung, sondern auch dem Lastausgleich. Lastspitzen von bislang 1.200 kW sollen so auf rund 200 kW gesenkt werden.
Auch die Nutzung von Abwärme spielte eine wichtige Rolle. Nach Angaben des Unternehmens werden rund 80 Prozent des Energieeinsatzes der Spritzgussmaschinen in Wärme umgewandelt. Diese Abwärme nutzt KHW zur Beheizung der Produktionshallen und zur Warmwassererzeugung. Gerade daran wurde deutlich, dass Nachhaltigkeit häufig nicht in spektakulären Einzelmaßnahmen liegt, sondern darin, Energieflüsse genauer zu verstehen und vorhandene Potenziale systematisch zu nutzen.
Erwähnenswert ist zudem, dass KHW bewusst auf Windenergie verzichtet, um Konflikte vor Ort zu vermeiden. Was nachhaltig ist und technisch möglich wäre, ist nicht automatisch auch lokal akzeptiert.
Auch im Vertrieb zeigte sich, wie eng Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit zusammenhängen. Rund 80 Prozent der Produkte werden online verkauft und – unabhängig davon, ob sie über große Plattformen oder direkt bei KHW bestellt werden – direkt aus dem Lager des Unternehmens versendet. Früher wurden Schlitten etwa in ein Amazon-Lager in den Niederlanden geliefert, um von dort häufig weiter in den Süden Deutschlands transportiert zu werden. Dieser „Teiletourismus“ ist kein Naturgesetz, sondern Folge bestimmter Vertriebslogiken. KHW versucht hier, Wege zu verkürzen und Prozesse wieder näher an den eigenen Standort zu holen.
Bewusst regional ist außerdem die Beschaffungsstrategie des Unternehmens. KHW lässt Spritzgussformen nicht in Asien, sondern in Thüringen fertigen – obwohl Werkzeuge aus China zum Teil bis zu 30 Prozent günstiger wären. Diese Entscheidung ist keine romantische Geste regionaler Verbundenheit, sondern eine strategische Abwägung. Sie bedeutet kürzere Wege, schnellere Abstimmungen, bessere Reparaturmöglichkeiten, mehr Kontrolle und am Ende oft auch geringere indirekte Kosten.
Ein weiteres zentrales Thema war der Einsatz von Recyclaten. KHW arbeitet seit rund fünf Jahren daran und erreicht inzwischen in bestimmten Produktgruppen, etwa bei Mülltonnen und Hochbeeten, einen Recyclatanteil von 68 Prozent. Dabei wurde auch deutlich, welche Anforderungen die Verarbeitung in der Praxis stellt, denn Regranulate können in Qualität, Rieselfähigkeit und Fremdstoffanteilen schwanken, teilweise sogar innerhalb eines einzigen Batchs.
Gerade dieser Hinweis war wichtig, weil in vielen Debatten über Kreislaufwirtschaft so getan wird, als müsse man nur „mehr Recycling“ wollen. In der industriellen Realität ist das häufig eine Material- und Prozessfrage, die Erfahrung, Anpassung und konsequente Weiterentwicklung verlangt. KHW zeigt eindrücklich, dass diese Herausforderung lösbar ist und dass die frühe Beschäftigung mit dem Thema zum Wettbewerbsvorteil werden kann.
Einfacher ist bei KHW die Rückführung retournierter Schlitten in den Materialkreislauf. Da sie meist unbenutzt sind, können sie direkt geschreddert und dem Neumaterial anteilig wieder beigemischt werden. Künftig soll dieses Recycling-Konzept auch auf gebrauchte Modelle ausgeweitet werden. Über ein Rabattsystem sollen Kunden beim Kauf eines neuen Schlittens einen Nachlass auf den nächsten Einkauf erhalten.
Genau an dieser Stelle wird deutlich, warum Formate wie CIRCO für Unternehmen hilfreich sein können. KHW hat an einem CIRCO-Workshop teilgenommen, um Ansätze wie die Rückführung von Materialien und zirkuläre Produktgestaltung systematisch weiterzuentwickeln. Solche Workshops übersetzen Kreislaufwirtschaft aus der Grundsatzdebatte in konkrete betriebliche Maßnahmen und zeigen, wie aus einzelnen Recyclingideen tragfähige Strategien werden können. Dass aktuell wieder CIRCO-Workshops angeboten werden, macht das Beispiel besonders anschlussfähig. Weitere Informationen gibt es im Terminkalender des Mittelstand-Digital Zentrums Ilmenau.
In den Fragen der Teilnehmenden spiegelten sich genau die Herausforderungen wider, vor denen viele KMU derzeit stehen und worüber sie am häufigsten klagen: über die mühsame Datenbeschaffung. Deshalb verwunderte auch nicht die Frage, ob man trotz Lücken im Datensatz überhaupt anfangen solle. Die Antwort war eindeutig: unbedingt. Auch die Unsicherheit, ob sofort eine teure Zertifizierung nötig sei, konnte entkräftet werden. In vielen Fällen reicht zunächst eine belastbare freiwillige Bilanz aus.
Reflexion und Ausblick: Nachhaltigkeit beginnt mit Zahlen, nicht mit Selbsterzählungen.
Die Station in Geschwenda zeigte vielleicht am deutlichsten, warum Nachhaltigkeit betriebswirtschaftlich relevant ist. Nicht, weil jedes Projekt sofort Rendite bringt. Sondern weil eine ernsthafte Beschäftigung mit Emissionen, Energie und Materialströmen Unternehmen zwingt, ihr eigenes Geschäft präziser zu verstehen.
Der eigentliche Gewinn liegt dabei oft nicht zuerst in der Außendarstellung, sondern in der internen Steuerungsfähigkeit. Wer seine Daten kennt, kann effizienter produzieren, zielgerichteter investieren und überzeugender mit Kunden sprechen. Nachhaltigkeit wird dann vom Imagebegriff zur Managementkompetenz.
Nachhaltigkeit wurde hier als Gestaltungsprinzip sichtbar
Die dritte Station am 26. Februar 2026 bei der BLINK AG in Jena bildete den Abschluss der Entdeckertour – und setzte noch einmal einen anderen Akzent. Während die Station in Meiningen stark die Organisations- und Arbeitszeitfrage betonte und in Geschwenda das Thema Energieeffizienz im Vordergrund stand, zeigte der Termin in Jena Nachhaltigkeit als integratives Gestaltungsprinzip: in Architektur, Außenraum, Technologieentwicklung, Materialfragen und Kooperationslogiken. 18 Teilnehmende erhielten dort Einblicke in ein Unternehmen, das Nachhaltigkeit nicht auf eine einzelne Kennzahl verengt, sondern räumlich, technologisch und organisatorisch zusammendenkt.
Das Firmengebäude steht seit Sommer 2021 und ist selbst Teil dieser Haltung. Mit seiner zentralen Halle fördert es Begegnung und Austausch. Fassadenbegrünung, Dachentwässerung mit Zisterne und ein bewusst als Begegnungsort gestalteter Innen- und Außenbereich zeigen, dass Nachhaltigkeit hier nicht nur in Prozessen, sondern auch in der Arbeitsumgebung eine Rolle spielt.
Eugen Ermantraut
Geschäftsführer Eugen Ermantraut machte deutlich, dass Nachhaltigkeit dann unternehmerisch wirksam wird, wenn sie nicht abstrakt bleibt, sondern sich in Produkten, Prozessen und im Alltag eines Unternehmens konkret niederschlägt. BLINK entwickelt winzige funktionalisierte Partikel, sogenannte Nano-Beads. Sie dienen als kleinste Laboreinheiten und ermöglichen präzise diagnostische Tests in kurzer Zeit, auch von mehreren Krankheiten gleichzeitig. Ziel ist eine schnelle Diagnostik direkt vor Ort, ohne den Umweg über ein Zentrallabor. So erhalten Ärztinnen und Ärzte schneller wichtige Informationen. Das kann die Behandlung beschleunigen und die Patientenversorgung verbessern. Zugleich ist der Ansatz ressourcenschonend, weil mehrere Analysen in einem einzigen Durchlauf gebündelt werden, wodurch weniger Material benötigt wird und im Vergleich zu herkömmlichen Einzeltests weniger Kunststoffabfall entsteht. Zudem verzichtet BLINK in der Produktion vollständig auf PFAS. Dabei handelt es sich um eine Gruppe industriell hergestellter Chemikalien, die in der Umwelt nur sehr schwer abgebaut werden und im Verdacht stehen, die Gesundheit zu beeinträchtigen. Auch bei Lagerung und Transport bleibt der Energieverbrauch gering, da die Nano-Beads ohne Kühlung auskommen.
Eugen Ermantraut betonte zudem einen kooperativen Geschäftsansatz. Gemeint ist damit, dass BLINK seine Technologie nicht nur für eigene Produkte entwickelt, sondern als Plattform versteht, auf deren Basis auch Partner eigene Tests und Anwendungen entwickeln können. Sie stellt Entwicklungswerkzeuge, Software und eine gemeinsame technische Grundlage bereit, damit neue analytische Tests nicht jedes Mal von Grund auf neu aufgebaut werden müssen. Das spart Ressourcen, verkürzt Entwicklungszeiten und senkt die Hürden, neue Anwendungen in die Praxis zu bringen.
Neben Produkten und Technologien rückte er auch das Umfeld in den Blick, in dem diese entstehen. Die zentrale Halle des Unternehmens ist kein dekoratives Architekturdetail, sondern ein bewusst geschaffener Begegnungsraum. Dass dort die einzigen Kaffeemaschinen stehen und dass sich Wege dort kreuzen, folgt dem klaren Prinzip, dass Austausch nicht dem Zufall überlassen bleiben soll. Dahinter steckt die Einsicht, dass die Qualität von Ergebnissen auch von der Qualität der Zusammenarbeit abhängt. Wer Innovation will, braucht Reibung, Gespräch und kurze Wege.
Hinzu kamen konkrete ökologische Maßnahmen wie Fassadenbegrünung, Zisterne, Gemüse- und Kräuteranbau auf dem Gelände, Blühwiesen, reduzierte Mahd, Schnittblumen aus dem eigenen Garten. Entscheidend war jedoch, dass diese Maßnahmen nicht als dekorativer Naturbezug präsentiert wurden. Sie waren funktional eingebettet – etwa zur Temperierung von Innenräumen oder zur Aufwertung des Arbeitsumfelds.
Jörg Peukert, Gärtner bei BLINK
Ein besonders interessanter Teil der Veranstaltung war der Beitrag von Jörg Peukert aus dem betrieblichen Alltag: der Blick auf Begrünung, Pflege und Mikroklima. Das mag gegenüber Hightech zunächst wie ein Randthema wirken. Tatsächlich öffnet er aber einen wichtigen Diskussionsraum. Unternehmen reden gern über Innovation, aber selten darüber, wie stark Gebäude und Außenräume das Arbeiten beeinflussen. In Jena schützt die zisternengespeiste Fassadenbegrünung die Gebäude im Sommer vor zu starker Aufheizung. Sie verschattet die Außenflächen und kühlt sie zusätzlich durch Verdunstung. Dadurch steigen die Temperaturen in den Innenräumen weniger stark an, was vor allem in sensiblen Bereichen wie Laboren und Reinräumen relevant ist. Der Effekt ist nicht nur klimatisch spürbar, sondern senkt auch den Energiebedarf für die Temperierung der Räume.
Dass Jörg Peukert als Gärtner – im Übrigen ebenso wie die Reinigungskräfte und der Haustechniker – direkt bei BLINK angestellt ist und diese Funktionen nicht ausgelagert wurden, wirkt auf den ersten Blick wie ein Detail. Tatsächlich sagt es viel über das zugrunde liegende Verständnis von Nachhaltigkeit aus. Wo Pflege, Beobachtung und Weiterentwicklung des Standorts im Unternehmen selbst verankert sind, entsteht eine andere Verbindlichkeit als dort, wo Grünflächen nur als externe Serviceleistung mitlaufen.
Hinzu kommt, dass sich die Integration von Jörg Peukert in die Belegschaft positiv auf das Gesamtgefüge auswirkt. Mitarbeitende fragen ihn, ob sich der Anbau bestimmter Nutzpflanzen erproben ließe, tauschen sich mit ihm über gärtnerische Fragen aus und machen den Garten damit nicht zu einer bloß betreuten Fläche, sondern zu einem gemeinsamen Bezugspunkt im Arbeitsalltag.
Dass diese Einbindung über den Pflegeaspekt hinausgeht, zeigt sich auch an den Nutzungen, die daraus entstehen. Um das von Jörg geerntete Gemüse hat sich eine Kochgruppe gebildet, die die Erträge regelmäßig verarbeitet. Die Schnittblumen wiederum können für eigene Sträuße verwendet werden, sodass keine gekauft werden müssen, die unter Umständen lange Transportwege hinter sich haben.
Die Kernbotschaft dieses Beitrags lautete damit, dass Nachhaltigkeit auch eine Frage der Infrastrukturqualität ist. Sie entscheidet darüber, wie viel Energie ein Standort verbraucht, wie resilient er in Hitzeperioden ist und wie stark Mitarbeitende den Ort mittragen.
Quelle: © Mittelstand-Digital Zentrum IlmenauAda Matthes
Mit Ada Matthes kam eine Perspektive in die Veranstaltung, die für Unternehmen besonders wertvoll ist, weil sie nicht aus dem klassischen Produktionsdenken stammt. Ihre Arbeiten und Überlegungen zu 3D-Druck, Open Source und Materialverständnis verschoben den Fokus weg von Effizienz im Bestehenden hin zur Frage, wie Dinge grundsätzlich anders entworfen und hergestellt werden können. Ihre Kernbotschaft lässt sich zugespitzt so formulieren: Nachhaltigkeit im Design beginnt dort, wo Materialien nicht als beliebig verfügbare Masse, sondern als geliehene Ressourcen begriffen werden. Das ist ein bemerkenswerter Satz, weil er die gewohnte Logik des linearen Verbrauchs direkt angreift.
Der Verweis auf Open Source als Form der Demokratisierung öffnete zugleich eine zweite Ebene. Wenn Gestaltung, Wissen und Fertigung stärker geteilt werden, kann Produktion näher an den Bedarf rücken, kleinteiliger und ortsnäher werden. Gerade darin steckt ein großes Versprechen für nachhaltiges Wirtschaften: weniger Überproduktion, kürzere Wege, bessere Anpassbarkeit.
Auch die Nachfrage aus dem Publikum war aufschlussreich. Wie lassen sich die hohen Preise rechtfertigen, wenn mit kleinen Stückzahlen gearbeitet wird? Die Antwort machte deutlich, dass hohe Anfangsinvestitionen in Robotik zunächst über frühe Anwendungen und zahlungsbereite Pilotkunden abgesichert werden müssen. Das ist ehrlich und gerade deshalb wichtig.
Nachhaltige Innovation ist oft nicht von Beginn an massenmarkttauglich. Unternehmen müssen diese Spannung aushalten. Einerseits werden bezahlbare Lösungen gefordert, andererseits entstehen neue Verfahren fast immer zuerst im hochpreisigen Bereich. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob solche Ansätze sofort kostengünstig sind, sondern ob sie einen glaubwürdigen Pfad in Richtung Skalierung eröffnen.
Für viele KMU ist das relevant, weil genau dort häufig vorschnell abgewunken wird, wenn etwas zu teuer, zu speziell oder zu experimentell erscheint. Jena hat eher gezeigt, dass man ohne solche Experimente im Alten effizienter bleibt, aber nicht zukunftsfähiger wird.
Dr. Christiane Rößler
Der vielleicht anspruchsvollste Nachhaltigkeitsbeitrag der Veranstaltung kam aus dem Bausektor. Dr. Christiane Rößler von Sonocrete sprach über Beton und Zement und damit über einen Bereich, in dem Nachhaltigkeit nicht mit freundlichen Bildern zu gewinnen ist, sondern mit industrieller Prozessinnovation. Allein Zement verursacht weltweit rund sieben bis acht Prozent der CO₂-Emissionen. Gleichzeitig ist der Bau- und Gebäudesektor insgesamt für rund 34 bis 38 Prozent der globalen CO₂-Emissionen verantwortlich.
Sonocrete bietet eine Technologie an, die Beton mithilfe von Hochleistungsultraschall deutlich schneller aushärten lässt und so den Einsatz von klimaschädlichem Zement um bis zu 30 Prozent reduziert. Das Unternehmen stellt dafür spezielle Vormischanlagen her, die als Add-on in bestehende Betonfertigteilwerke integriert oder flexibel gemietet werden können.
Durch die schnellere Aushärtung lassen sich auch zementärmere und damit nachhaltigere Betonmischungen effizient einsetzen. Dass bereits fünf Betonwerke in Europa das System nutzen, zeigt zudem die industrielle Praxistauglichkeit der Technologie. Für Unternehmen ist genau das entscheidend, denn Nachhaltigkeit gewinnt erst dann Überzeugungskraft, wenn sie an reale Betriebsbedingungen anschlussfähig ist.
Der Beitrag machte noch etwas anderes sichtbar. Am Beispiel des BLINK-Gebäudes wurde die Frage gestellt, wie der Fußabdruck beim Bauen im Verhältnis zum Fußabdruck im Betrieb zu bewerten ist. Das ist eine ausgesprochen wichtige Perspektive, weil Unternehmen Nachhaltigkeit sonst gern auf den laufenden Betrieb verengen: Strom, Wärme, Mobilität, vielleicht noch Abfall. Die grauen Emissionen von Bau, Materialwahl und Investitionsentscheidungen geraten dabei oft aus dem Blick.
Reflexion und Ausblick: Nachhaltigkeit ist am überzeugendsten, wenn sie nicht isoliert gedacht wird.
Die dritte und letzte Station in Jena zeichnete sich durch eine besondere thematische Spannweite aus. Sie reichte von ressourcenschonenderer Diagnostik über begrünte und funktional gedachte Arbeitsumgebungen bis hin zu neuen Perspektiven auf Design und einem technologischen Hebel in einer besonders emissionsintensiven Branche. Das ergibt noch kein perfektes Gesamtbild. Aber es zeigt eine Richtung, die für Unternehmen vor allem deshalb relevant ist, weil sie Nachhaltigkeit mit praktischer Umsetzbarkeit, Effizienz und wirtschaftlichem Nutzen verbindet.
Der kritische Punkt lautet allerdings auch: Nicht jede Begrünung ist schon Transformation, nicht jede Innovation automatisch nachhaltig und nicht jede Kooperation automatisch sinnvoll. Entscheidend ist, ob sich ein Ansatz im betrieblichen Alltag bewährt und ob er über Einzelmaßnahmen hinausweist.
Fazit: Nachhaltigkeit ist kein freundlicher Zusatz, sondern eine Basis für Zukunftstauglichkeit.
Die Entdeckertour hinter die Kulissen nachhaltiger Unternehmen hat sehr unterschiedliche Praxisbeispiele zusammengeführt. Und gerade darin lag ihre Stärke. Bei ABS electronic wurde sichtbar, wie soziale Nachhaltigkeit, Prozessdisziplin und Ressourceneinsparung zusammenwirken können. Bei KHW zeigte sich, wie stark Daten, Energiemanagement und CO2-Bilanzierung die betriebliche Steuerung verbessern. Bei BLINK wurde deutlich, dass Nachhaltigkeit als Gestaltungsprinzip gedacht werden kann – in Raum, Natur, Technik und Zusammenarbeit.
Über alle Stationen hinweg bleibt eine zentrale Erkenntnis, dass sich Nachhaltigkeit für Unternehmen nicht deshalb lohnt, weil sie gut klingt, sondern weil sie Risiken reduziert, Kosten sichtbar macht, Effizienzpotenziale hebt, Arbeitgeberattraktivität stärkt und neue Marktchancen eröffnet.
Gleichzeitig wurde auch klar, dass Nachhaltigkeit kein Selbstläufer ist. Sie verlangt Entscheidungen, Investitionen, Prioritäten und Durchhaltevermögen. Sie ist oft anstrengender als das bloße Weitermachen. Aber genau darin liegt ihr unternehmerischer Wert. Wer nur reagiert, wenn der äußere Druck maximal wird, verliert Gestaltungsspielraum. Wer früh beginnt, baut Wissen, Daten, Routinen und Glaubwürdigkeit auf.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft dieser Reihe: Unternehmen müssen nicht perfekt starten. Aber sie sollten anfangen.
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Autoren:
- Kerstin Michalke, Modellfabrik Virtualisierung
- Constance Möhwald, Modellfabrik Virtualisierung
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Bildquellen
- Leitlinien für Geschäftsführungen: KI-generiert
- Station Meiningen: © Mittelstand-Digital Zentrum Ilmenau
- Betriebsführung in Meiningen: © links: ABS | rechts: Constance Möhwald
- Station Geschwenda: © KHW
- Recyceltes Material und Naturfasern: © Mittelstand-Digital Zentrum Ilmenau
- Betriebsführung in Geschwenda: © links: KWW | rechts: Constance Möhwald
- Station Jena: © IHK Ostthüringen zu Gera, Pierre Sens
- Fassade: © Mittelstand-Digital Zentrum Ilmenau
- Betriebsführung in Jena: © IHK Ostthüringen zu Gera, Pierre Sens












